Mortalität zum Tiefpreis
— Rahel Marbet



Illustration    Rahel Marbet


Abgerichtet von einer Konsumgesellschaft neigen wir dazu, unseren verbliebenen Jagdinstinkt in der Suche nach Schnäppchen und Tiefpreisen auszuleben. Was beim Kauf Glücksgefühle verbreitet, sorgt beim Protest für Entsetzten. Tausende Menschen demonstrieren zusammen für eine gewaltfreie Zukunft. An ihren Handgelenken hängen orangefarbene Preisschilder. Wie das Ganze mit Geld in Verbindung steht und wie die Price Tags einen Missstand symbolisieren sehen wir uns nun genauer an.

Die Provokation
Seit 1791 ist das Recht, eine Schusswaffe auf sich zu tragen, in der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika verankert. Heute wird die Anzahl ungefähr auf eine Waffe pro Person geschätzt. Mit trauriger Regelmässigkeit sind Massaker, Amokläufe und Unfälle zu verzeichnen, die jährlich zahllose Menschenleben fordern. So starben allein im Jahr 2016, 38 658 Personen1 durch Schusswaffen, was im Verhältnis der maximalen Kapazität des St. Jakob-Parks in Basel entspricht2.

Die Initiative
Nachdem 2018 in Parkland, Florida, beim Amoklauf an einer Schule 17 Menschen getötet worden waren, initiierten Überlebende mehrere Demonstrationen, die striktere Gesetze für den Umgang mit Schusswaffen forderten. Daraus entstand die Organisation March for Our Lives (MFOL), die die Geschäfte der Waffenlobby anprangerte. Jährlich «spendet» die National Rifle Association (NRA) Millionen US-Dollar für Parteien oder Politiker, was zur lockeren Gesetzgebung mit dem Umgang von Schusswaffen führt.3 «Don’t put a price on our lives» lautet der Titel der Kampagne von MFOL, die folgend genauer analysiert werden soll.4

Die Kampagne
Im Zentrum der Kampagne steht ein Preisschild, das sich auf den ersten Blick kaum von gewöhnlichen Preisschildern unterscheidet. Ein Preisschild, wie wir es kennen, kommuniziert ein Angebot und ermöglicht so den Handel zwischen Verkäufer*in und Käufer*in. In diesem Falle kann es so gedeutet werden, dass die NRA viel Geld in die Politik investiert, die im Gegenzug die Gesetzgebung entsprechend deren marktwirtschaftlichen Interessen anpasst. Am unteren Rand des Preisschildes gibt sich die MFOL als Absenderin zu erkennen und löst die Kampagne wie folgt auf:         «Politicians across the united states receive millions from the NRA. Don’t put a price on us.»4
Genauso wichtig wie die Botschaft ist die Verbreitung der Kampagne. Da auf dem Objekt nicht beschrieben wird, wem der tiefe Preis zuzuschreiben ist, wird diese Verbindung erst in der Nutzung deutlich. Der Mensch soll als Ware dargestellt werden. Mit dieser Aktion wird nicht nur das Schild, sondern auch sein*e Träger*in zu einem wichtigem Objekt der Kritik.
Um den Zugang zur Kampagne rasch und unkompliziert zu gestalten, bot sich die Möglichkeit zum Download und Ausdruck des Bastelbogens als optimales Verbreitungsmedium an. So passt es perfekt, dass die MFOL das Preisschild als Bastelbogen auf deren Website zum Download angeboten haben. Die Organisation sparte an Druck- und Versandkosten und die Kampagne verbreitete sich zügig in andere Bundesstaten, oder anders gesagt, konnte so die Solidarität vieler Mitbürger*innen begünstigt werden.
Beim Betrachten des Schildes fällt als erstes der niedrige Preis ins Auge. Ein lächerlich niedriger Preis, der je nach Staat zwischen 0.01$ und 6.70$ variiert. Meist wird mit den kleinsten Preisen die grösste Werbung geschafft und wird nicht selten als Verkaufsargument «Nummer Eins» eingesetzt. Die Summe im Zusammenhang mit Menschenleben kann jedoch nichts Gutes bedeuten. Der jeweilige Preis errechnet sich aus der Summe, die die Waffenindustrie in die Politik investiert, aufgeteilt auf die Anzahl Studierender in den einzelnen Staaten. Was somit als Wert eines Menschenlebens interpretiert werden kann. In einer engen Grotesk füllt der Preis das Format in der Höhe aus und leitet die*den Betrachter*in erst auf den zweiten Blick zu zusätzlichen Informationen.

Die Kontroverse
Die MFOL informiert auf ihrer Website:
    «If your state doesn’t have a price tag, that’s good news. It means that your politicians aren’t taking large sums of NRA money. Instead, use the national average price tag to show your support for reforming our gun laws.» 4
Mir stellt sich die Frage, ob der niedrige Preis nun als positives oder negatives Attribut gewertet werden soll. Denn die Schilder kommunizieren doch: Je kleiner die Summe ist, desto weniger Wert ist einem Menschenleben zugeschrieben. Aber die eigentliche Rechnung zeigt, dass der niedrige Preis sich daraus schliesst, dass die NRA weniger Geld in die Politik investiert, was auf geringere Manipulation schliessen lässt. Näher betrachtet ist die Funktion der Schilder also auf einem Missverständnis aufgebaut.
Erwähnt werden muss an dieser Stelle ebenfalls, dass die MFOL die Agentur McCann New York mit der Entwicklung der Kampagne beauftragt hat. Ihr Claim «Truth Well Told» vermittelt ein Gespür für sozialkritische Themen und auf ihrer Website zeichnen sie sich mit weiteren, derartigen Kampagnen aus. Allerdings verantworten sie auch Aufträge für Mastercard und Coca-Cola.5
Und trotzdem funktioniert die Kampagne: 1.18$ für ein Menschenleben – ein Vergleich wie dieser schockiert erstmal, führt die Mechanismen der Waffenlobby vor und begünstigt bestenfalls solidarisches Handeln. Die Demonstrationen seit 2018 fachen landesweit die Diskussion über die Gesetzgebung neu an. Weltweit wird das Geschehen verfolgt und die Message geteilt: Gemeinsam für eine Zukunft ohne Waffengewalt.


1 Neue Zürcher Zeitung. Ann-Dorit Boy, Anna Wiederkehr, David Bauer. 2019. Amerikas gefährliche Liebe zu Schusswaffen
(aufgerufen am 28. Mai 2020)
2 Wikipedia. 2020. St. Jakob-Park
(aufgerufen am 28. Mai 2020)
3 The New York Times. Robert Draper. 2020. How the NRA became the most feard Lobbying Force in America (aufgerufen am 28. Mai 2020)
4 March For Our Lives. 2020. Price Tags: See how much NRA-bought Politicans think Students Are Wort and Donate to Buy Them Back
(aufgerufen am 28. Mai 2020)

5 McCann New York. 2020. About McCann New York
(aufgerufen am 28. Mai 2020)

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