Ein Wutausbruch wird zur Ikone
— Matthieu Dillier


Vinylschallplatten sind Objekte, die ihren Höhepunkt vor meiner Zeit haben. Obwohl ihre Verwendung mit der Jahrtausendwende wieder zugenommen hat, ist der Umgang nicht mit der Blütezeit in den 1980er Jahren zu vergleichen. Diese Objekte leisteten einen grossen Beitrag zur Vermittlung der Musik. Die Käufer*innen konnten nicht nur durch das Hören, sondern auch durch das Sehen in die Welt des Künstlers eintauchen.
Ich habe mich für die Schallplatte des von The Clash herausgegebenen Albums London Calling entschieden, da ich mich mit der Bewegung des Punks bereits aus- einandergesetzt habe und diese meine Neugierde immer wieder aufs Neue weckt. Seine Ideologie gegen die rechte sowie zugleich gegen die linke Weltanschauung – somit gegen alles – empfinde ich als humorvoll, irritierend, aber auch ein bisschen verständlich und zum Nachdenken anregend.


Bild    Matthieu Dillier


Das Cover der LP besteht aus drei Elementen: Ein grosser Schriftzug in zwei unter- schiedlichen Farben, der den Titel benennt. Einen am oberen Rand noch kleineren Text in einer anderen Schriftfamilie und in weiss sowie das Bild einer Person, die mit voller Wucht kurz davor ist, eine elektronische Gitarre am Boden zu zerschmettern. Was vermitteln einem diese verschiedene Elemente ohne Hintergrundwissen?

Die serifenlose Schriftart ist unkonventionell. Die Punze der Buchstaben sind im Vergleich zum Strich überaus klein und zudem dezentral platziert. Es sind keinerlei Kanten vorhanden, die exakt horizontal oder vertikal verlaufen. Alle Linien sind un- gleichmässig verzogen. Allgemein sind jegliche Strichrichtungen verdreht und/oder verjüngen sich dem Ende zulaufend. Die Buchstaben sind in Pastell-Pink und einem Knall-Grün mit leichtem Blaustich eingefärbt. Diese Farbgebung bringt einen starken Kontrast in das sonst schwarz-weiss gehaltene Bild. Der Schriftzug vermittelt für mich Verspieltheit, Unkonventionalität und Eigenheit. «The Clash» integriert sich unmerklich in das Cover, da es in einer ausgewogenen und gängigen Schriftart abgebildet wurde. Sie setzt sich von der restlichen Typografie merklich ab, integriert sich jedoch durch die weisse Farbe in das grossformatig gehaltene Bild. Mir erscheint es gewollt, dass der Bandname keine tragende Rolle auf dem Cover übernimmt. Nicht die Band soll im Zentrum stehen, sondern die anderen Elemente. Das ganze Bild ist verschwommen und überbelichtet. Zusätzlich zu diesen Faktoren kommt noch das Bildrauschen hinzu. Die Bewegung des Protagonisten ist kurz vor dem Aufprall der Gitarre auf dem Boden. Die Zerstörung und die damit verbundene Anarchie sind auf den Punkt gebracht: Nichts ist von Bedeutung.

Erste Recherchearbeiten zeigen, dass die Schriftzüge eine visuelle Anspielung sind auf Elvis Presleys Album Elvis Presley. Nur der Bandname wird bei The Clash noch zusätzlich hinzugefügt. Weshalb wollten sie ihn zitieren? Worin bestehen Gemeinsamkeiten? Die Alben wurden in einem Abstand von über 30 Jahren veröffentlicht.

Rock’n’Roll war Opposition gegen die Moral der 1950er Jahre. Erstmals entwickelte sich eine neue Form der Jugendkultur, die aus der Spiessigkeit auszubrechen versuchte, indem sie sich von alten Rollenbildern und Tabus befreite. Angewidert von den heuchlerischen Umgangsformen rebellierte die moderne Jugend gegen die konservativen Werte ihrer Eltern. Wie es das Wort Punk-Rock bereits sagt, stammt diese Musikrichtung von dem Rock and Roll ab. Sie teilen noch immer die radikale Ablehnung gegen die vorherrschenden Verhältnisse. Gemäss John Holmstrom – Illustrator und Gründer des Punk Magazine – musste der Punk Rock kommen, da die Rockszene zahm und weich geworden sei.

Elvis, der als King of Rock’n’Roll gilt, erreichte mit seinem ersten Solo-Album Elvis Presley Platz eins der Billboard-LP-Charts. Dies war das erste Mal, dass es ein Rock’n’Roll-Album an die Spitze der Charts schaffte. Die LP ist aufgrund ihres Erfolges zur absoluten Verkörperung des Musikgenres geworden, das Cover der Schallplatte ist ikonisch. Das Bild zeigt den Sänger in vollständiger Hingabe der Musik gegenüber. Die Schrift ist unkonventionell in der Form-, aber auch in der Farbsprache. Schaut man sich andere Albumcovers dieser Zeit an, sticht es mit seiner knalligen Farbe und ungleichmässigen Schriftlinien klar heraus. Die wohl gewünschte Gegenstrom schwimmende Wirkung erzielt die Typografie treffend.

Was will uns das Cover nun mitteilen? Meiner Meinung nach sind zwei verschiedene Absichten möglich: Durch die Platzierung des Bildmotivs vermittelt das Cover den Eindruck, als ob die Band mit der Gitarre die 1950er Jahre zerschmettern will. Sie wollen sich von ihren Wurzeln lösen und nicht mit dem – inzwischen braven –  
Rock’n’Roll in Verbindung gebracht werden. Man kann The Clash aber auch unterstellen, durch das Wiederaufnehmen der Coverstruktur Elvis zu huldigen oder Respekt zu zollen: dem Vater und Wegbereiter des modernen Punk-Rocks. Dabei ensteht automatisch ein Besinnen darauf, woher die Bewegung kommt und was sie ursprünglich beabsichtigt: Ohne Elvis keinen Punk.


QUELLEN
Wikipedia: zuletzt bearbeitet am 26. April 2020: London Calling 
(aufgerufen am 29. April 2020)
Wikipedia: zuletzt bearbeitet am 23. Mai 2020: Punk (Musik)
(aufgerufen am 29. April 2020)
Tagblatt: Kultur, Christoph Sulser, 05. Dezember 2019: «London Calling» von The Clash wird 40 
(aufgerufen am 5. Mai 2020)
uDiscover: Popkultur, Christof Leim, 19. September 2019: Zeitsprung: Am 20.9.1979 entsteht das «London Calling» – Foto von The Clash.
(aufgerufen am 5. Mai 2020)
Diffuser: James Stafforf, 26. Juni 2015: Cover Stories: The Clash, «London Calling
(aufgerufen am 10. Mai 2020)
Vintage Times: «Music, Urs Breig, 2015–16: Der Rock’n’Roll spaltet Generationen
(aufgerufen am 10. Mai 2020)
Wikipedia: zuletzt bearbeitet am 15. Mai 2020: Elivis Presley
(aufgerufen am 10. Mai 2020)
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