There are no Homosexuals in Iran?
— Joëlle Kim



Homosexualität ist noch heute komplett tabuisiert in der iranischen Gesellschaft. Sie gilt als «unislamisches Verhalten», das gegen die göttlichen Ordnung verstösst. Im iranischen Strafrecht wird die Homosexualität daher als schweres Verbrechen eingestuft und bestraft – es drohen Peitschenhiebe, Erniedrigung, Misshandlung, Folter und die Todesstrafe.
Vermutlich wurden seit der Islamischen Revolution 1979 im Iran mehrere tausend queere Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung hingerichtet. Als weitere Praxis zur gesellschaftlichen Normalisierung werden von der Regierung Geschlechtsoperationen erzwungen. Dahinter steckt weniger die Anerkennung von transsexuellen Menschen, sondern vielmehr die Absicht, die Homosexualität auszulöschen und der Gesellschaft traditionelle Geschlechterrollen aufzuzwingen. Der heteronormative Druck ist enorm. Ein öffentliches Ausleben gleichgeschlechtlicher Zuneigung ist im Iran also unmöglich und existiert deshalb nur im Versteckten. Die verbleibenden legalen Möglichkeiten sind die Transsexualität, die gesetzlich toleriert wird, aber als Geisteskrankheit gesehen wird, oder letztlich die Flucht aus dem Heimatland. Für viele Iranerinnen und Iraner, die sich zur Flucht entscheiden, ist die erste Anlaufstelle die Transitstadt Denizli in der Türkei. Dort kommen sie an in der Hoffnung, eines Tages in einem neuen Land ein freies Leben führen zu können. Im Jahre 2007 äusserte der ehemalige iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad anlässlich einer offiziellen Rede an der Columbia University in New York, dass «es im Iran keine Homosexuellen wie in ihrem Land gibt.» Dieses Statement resümiert die bedrückende Lage im Iran, denn paradoxerweise ist es wahr.1 Viele flüchten aus ihrem Heimatland, Verbleibende werden zu Transsexuellen gemacht oder leben ihre Sexualität in völliger Anonymität aus. Allen wurden die Identitäten genommen. Passender wäre wohl die Aussage «wir sorgen dafür, dass es im Iran keine Homosexuellen gibt.» 2/3

Dieses Zitat vom ehemaligen Präsidenten des Iran nahm die Genfer Fotografin Laurence Rasti zum Ausgangspunkt einer fotografischen Untersuchung und als Titel des daraus entstandenen Buches. There Are No Homosexuals in Iran wurde 2017 im Verlag Edition Patrick Frey in Zürich veröffentlicht.4 Es handelt sich um eine sorgfältige Auswahl an Porträts von geflüchteten iranischen Homosexuellen, die sich in Denizli in der Türkei in einer Transitzone befinden. Dort suchen sie Schutz und warten darauf, eines Tages aufgenommen zu werden, in einem Land, wo sie sie selbst sein können. Diesen Schwebezustand zwischen Flucht, Hoffnung und Identität versucht die Fotografin Laurence Rasti einzufangen. Doch wie genau äussern die Fotografien Kritik am iranischen Staat?


Bild    Screenshot, Joëlle Kim 

Anonymität als Kritik
Allen Portraits gemein ist, dass sich die Portraitierten der Kamera nicht zu erkennen geben. Rasti schafft es, die Anonymität der Abgebildeten durch spielerische und poetische Inszenierungen zu wahren. Die Gesichter der Menschen werden von Tüchern, Sträuchern und Schatten verdeckt, oft haben sie dem Betrachter den Rücken zugewandt oder man erkennt nur Silhouetten. Diese vorsichtig konstruierten Situationen sind fragil und verletzlich, denn nur ein kleiner Windstoss könnte Tücher bewegen und Sträucher lichten und die Versteckten wären damit enttarnt. In diesem Fall würden diesen Menschen ernsthafte Gefahr drohen. Das Verstecken wird so zum politischen Akt. Die Kraft der Bilder entsteht aus der Tatsache, dass vielen Iraner*innen die Identität und Heimat genommen wurde. Auch Uneinigkeit gegenüber der rechtlichen Situation bezüglich der Homosexualität im Iran schwing in der Bildsprache des Wegschauens mit und formt so die eindringliche politische Kritik am iranischen Staat.

Es ist eine Gratwanderung zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, auf die Laurence Rasti uns Betracher* mit ihren Fotografien mitnimmt. Offensichtlich gibt es sie, die homosexuellen Iraner*innen, denn sie sind die Protagonist*innen der Fotoserie und dennoch sind sie gezwungen, ihre Gesichter und damit ihre Identität zu verstecken und so sich selbst ein stückweit zu leugnen. So auch der Titel «There Are No Homosexuals in Iran». Es ist diese Ambivalenz, die in ihrer kritischen Aussage aber kraftvoller nicht sein könnte. Denn es wird eine Welt kritisiert, in der man sich schützen muss, weil man ist, wie man ist. Eine Welt, in der Tatsachen geleugnet werden.


Padtberg, Carola. 2018. Homosexualität im Iran: Real verbotene Liebe. Spiegel, 15. März 2018, Bereich: Kultur.
(aufgerufen am 3. Mai 2020)
2 Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM). Überblick: Homosexuelle im Iran: «Das Schrecklichste, was ich je gesehen habe.»
(aufgerufen am 3. Mai 2020)
Wikipedia. Homosexualität im Iran
(aufgerufen am 3. Mai 2020)
4 Rasti, Laurence. 2017. There Are No Homosexuals in Iran. Zürich: Edition Patrick Frey.
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