Klassenkampf: Eine Stufe
nach der anderen
— Florian Beyeler



Bild    Screenshot Parasite


«Gisaengchung», auf Englisch Parasite, ist ein südkoreanischer Spielfilm des Filmemachers Bong Joon-Ho, der im Jahr 2019 erschienen ist. Nebst seiner Rolle als Regisseur fungiert Bong Joon-Ho zusammen mit Jin Won-Han auch als Drehbuchautor des satirischen Drama-Thrillers. Der komplette Produktionsprozess, von Konstruktion der Geschichte über die Wahl der passend erscheinenden Visualität, lag somit alles in seinen Händen. Bereits in seinen vorherigen Filmen behandelte Bong Themen der sozialen Ungleichheit. Alle beinhalten Aspekte des Klassenkampfs, zeigen jedoch mit unterschiedlichen Geschichten immer eine andere Sicht. Stets gleichbleibend ist jedoch Bong Joon-Hos Fokus auf die Darstellung armer Menschen und wie sie sich in ihrer Situation zurechtfinden.
Der Film Parasite spielt in einer südkoreanischen Stadt und zeigt den Alltag zweier Familien: Die Kims, eine arme Arbeiter*innen-Familie, die am Existenzminimum lebt, und die Parks, die als wohlhabende Familie mit grossem Haus keine Geldprobleme kennt. Mithilfe eines reichen Freundes kann sich Ki-Woo, der Sohn der Kims, als Nachhilfelehrer in die Park-Familie einschleusen. Nach und nach übernehmen Schwester, Vater und Mutter auch Posten im Haushalt der Parks, bis sich schlussendlich die ganze Familie in die Belegschaft der Parks eingeschleust hat. In der Mitte des Films wird eine unerwartete Bedrohung aus dem versteckten Keller der Parks enthüllt, die die Position der Kim-Familie als Angestellte bedroht.

Kritik in Filmen kann auf die unterschiedlichsten Arten geäussert werden, sei es durch die Geschichte, den Dialog, durch gezeigte Bilder oder durch die Montage. In diesem Text beschränke ich meine Analyse auf die bildliche Art der Kritik und analysiere, wie der Film durch Einsatz von visuellen Metaphern Kritik an dem Klassenunterschied zwischen Arm und Reich ausübt. Symbole und Motive sind visuelle Mittel des Filmemachens, die Aussagen des Films mithilfe von Metaphern aufnehmen und vermitteln. Im Film Parasite gibt es diverse Symbole, die unterschiedliche Bedeutungen haben, die jedoch zusammenkommen und somit als Ganzes die Thematik des Films — die Ungleichheit in der Gesellschaft und den Graben zwischen Arm und Reich — auf der visuellen Ebene unterstützen. Zusammen mit anderen Aspekten des Films, wie zum Beispiel  Handlung oder Charaktere, bilden sie die Grundlage der Kritik, die Bong präzise in den Film eingebaut hat. Nachfolgend gehe ich auf unterschiedliche Symbole und Metaphern ein und analysiere, wie diese Kritik an sozialer Ungleichheit veranschaulichen.

Das filmische Stilmittel der vertikalen Inszenierung ist den ganzen Film über präsent. Bereits die Platzierung der Wohnungen beider Familien in der Stadt bringt eine bildliche Hierarchie mit sich: Die reiche Park-Familie lebt in einer Villa auf einem erhöhten Grundstück, das an einem Hügel gelegen die Stadt überblickt. Die arme Kim-Familie hingegen wohnt in einer typisch südkoreanischen Halbkeller-Wohnung, die auf dem Niveau der Strasse liegt und nur durch ein kleines Fenster eine Verbindung zur Aussenwelt hat. Die Wohnung, die praktisch unter der Erde ist und nur durch das kleine Fenster einen Einblick nach oben gewährt bekommt, symbolisiert die falsche Hoffnung der Kims auf ökonomischen Aufstieg. Das Fenster als Hoffnungsschimmer auf ein besseres Leben, das dank der wirtschaftlichen Gegebenheiten nie erreicht werden kann. Anhand dieser klar definierten Unterschiede in der vertikalen Platzierung wird bereits durch die Architektur und das Set-Design eine klare Hierarchie vermittelt, die den sozioökonomischen Status der zwei Familien repräsentiert.

Der Film spielt mit der klassischen Symbolik des Klassenunterschiedes, die in der Geschichte immer wieder in vertikalen Systemen dargestellt wird, sei es zum Beispiel das Kastensystem in Indien, das die Form einer Pyramide annimmt. Oder dass im Kontext des Kapitalismus das Leben der Arbeiter*innen durch die Kapitalist*innen von oben herab bestimmt wird. Parasite ist dabei nicht der erste Film, der mit Höhenunterschieden den Stand in der gesellschaftlichen Klasse darstellt. Im Film High and Low vom japanischen Regisseur Akira Kurosawa wurde erstmals eine solche Visualität verwendet.1

Nebst der Hierarchie anhand der Gebäude nimmt der Regisseur das Spiel mit der vertikalen Betonung auch in die Handlung auf. So gehen die Kims während des Films immer wieder zu dem Haus der Parks hinauf, nehmen also metaphorisch den Aufstieg in eine andere Klasse auf sich. Während des Films werden sie aber immer wieder damit konfrontiert, dass sie dort nicht hingehören und steigen wieder hinab zu ihrer Wohnung: Sozusagen zurück in ihre Klasse. Im Film ist dies am deutlichsten in der Szene, in der die Kim-Familie während des Sturms — im strömendem Regen — in der Stadt Treppen hinabsteigt, sichtbar. Schritt für Schritt bewegen sie sich nach unten, bis sie ihre Wohnung überflutet mit Wasser auffinden. Der Sturm hat ihre Lebensgrundlage zerstört. Die Parks hingegen freuen sich über den klaren Himmel nach dem Regen. Der Sturm kann hier somit als Metapher der Ungleichheit und der Unfähigkeit, etwas daran zu ändern, interpretiert werden.


Bild    Screenshot Parasite

Die Parks begegnen Menschen, die nicht in ihrer Klasse sind, mit Gleichgültigkeit. Sie werden ignoriert oder schlicht wieder vergessen. Auch diese Einstellung wird im Film visuell an zwei Stellen sehr gut dargestellt: Die Kims verstecken sich unter dem Salontisch während das Ehepaar Park über ihnen auf dem Sofa schläft. Zweitens die Tatsache, dass ihr Haus einen geheimen Keller hat, in dem jemand lebt und sie davon nichts wissen. Bei beiden Beispielen werden Menschen, die unter ihnen leben, schlichtweg übersehen. Bong schafft es so, die Überheblichkeit und Gleichgültigkeit der Parks mit den visuell unterschiedlichen Höhenverhältnissen zu verbinden.


Bild    Screenshot Parasite


Weil beide Wohnungen als Sets gebaut wurden und dadurch jederzeit verändert und angepasst werden konnten, hat Bong die volle Kontrolle über die Gestaltung des Bildes. Sei es durch den Bildausschnitt oder durch eine perfekte Kamerafahrt. Jeder Shot ist bis ins kleinste Detail geplant und durchdacht.2 Mit dieser Präzision schafft es der Regisseur, seine Symbole und Metaphern so klar und verständlich wie möglich einzusetzen. Das Gute an den verwendeten visuellen Symbolen ist, sie funktionieren im westlichen Kontext meist unabhängig von der geographischen Lage. Anders als es die Sprache voraussetzt, diese zu verstehen, reicht es, wenn man die Bilder mit den Augen sehen kann, um sie so einordnen zu können. Dadurch wird die Thematik auch von Menschen verstanden, die kein Koreanisch sprechen oder wenig Ahnung von der südkoreanischen Kultur haben. Somit schafft es Bong Joon-Ho das weltweite Problem der sozialen Ungleichheit — verpackt in einer südkoreanischen Geschichte — an die internationalen Betrachter*innen zu übermitteln.


1 Insider: How «Parasite« Delivered One Of The Best Twists In Cinema | The Art Of Film, 08. Februar 2020, [Youtube]
Through the Viewfinder: Storyboard: Parasite’s Montage Scene, 19. März 2020, [Youtube]
Mark