Vom Symbol der Piraten
zum politischen Statement
— Charlotte Burckhardt



Bild    youtube.com


Der Mythos des Fussballs-Clubs St. Pauli von 1910 e.V. – allgemein einfach FC St. Pauli genannt – fasziniert mich. Es ist ein einzigartiger Fussballclub; er steht dafür, dass Fussball auch ohne Gewalt unter Fans, ohne Homophobie, ohne Rassismus und ohne Sexismus auskommt. Unter anderem unterstützt der Verein den Kiez mit sozialen Projekten wie Kiezhelden, bei denen man sich mit konstruktiven Ideen melden kann und so die Möglichkeit hat, etwas auf der Strasse zu verändern. Der Club ist authentisch und transparent, es geht um den Fussball, jedoch ohne eine gewinnorientierte Maschinerie dahinter. Deshalb besitze auch ich einen Totenkopf-Hoodie des FC St. Pauli. Die Ausstrahlung des Designs verschmilzt mit der Geschichte dahinter und übt dadurch Kritik. Bewusst oder unbewusst steht der*die Träger*in für eine links- politische und sozialkritische Meinung ein.
Der Totenkopf ist ein aus der westlichen Kultur stammendes Symbol für physische Lebensgefahr, den Tod und für die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Die übliche visuelle Gestaltung besteht aus der Darstellung eines Skelettkopfes mit oder ohne zwei gekreuzte Oberschenkelknochen hinter dem Schädel. Als Provokation und als Protest gegen herrschende Gesellschaftsnormen wird dieses Symbol auch in einigen modernen Jugendkultur verwendet. Doch ursprünglich war die Totenkopfflagge – oder auch «Jolly Roger»1 genannt – das Erkennungszeichen der Piraten. Piratenschiffe hissten die Flagge kurz vor ihren Angriffen, um die Besatzung der potenziellen Beute-Schiffen schon vor dem eigentlichen Entern in Angst und Schrecken zu versetzen.2 Doch was hat der Totenkopf mit den Fans des FC St. Pauli zu tun?

Ein Grossteil der Fanszene am Millerntor ist im Vergleich zu anderen Fanszenen dezidiert politisch links. So gehören das aktive Einschreiten gegen rassistische und sexistische Äusserungen im Stadion zum Selbstverständnis vieler Fangruppierungen. So wundert es nicht, dass der FC St. Pauli der erste Verein war, der entsprechende Verbote in seiner Stadions-Ordnung festschrieb.
Doch die Geschichte des St. Pauli-Totenkopfes ist auch eine der Kommerzialisierung. Sie nimmt ihren Anfang Mitte der 1980er Jahre, als sich eine feste Fan-Szene etablierte und den Verein im Laufe der Jahre weltweit bekannt machte. Auf der Zuschauertribüne trafen sich der «Schwarze Block», in dem sich damals Bewohner*innen der heiss umkämpften Häuser an der Hafenstrasse aufgehalten haben sollen, mit Bewohner*innen aus dem angrenzenden Stadtteil St. Pauli, die der alternativen Szene angehörten.3 Einer davon war der Hausbesetzter und Alternative «Doc Mabuse», der im «6er-Block» in der Hafenstrasse wohnte. Mabuse soll der erste gewesen sein, der sich eine Totenkopfflagge griff, an einen Besenstil tackerte und damit zu einem St. Pauli Spiel stolzierte.4 So wurde die Fahne zu einer hanseatischen Ergänzung zum bekannten Hausbesetzer*innenzeichen und kann, ganz im Sinne der Piraten, als Symbol für «Arm gegen Reich» verstanden werden.

Das Totenkopf-Logo, wie es heute verwendet wird, wurde von Steph Braun entwickelt, der auch die Rechte an dem Logo behielt.5 Der 1990 gegründete Fan-Laden brachte Sweater, T-Shirts und weitere Fan-Utensilien mit dem Totenkopf auf den Markt, die schnell zum Renner wurden.6 Da sich der Fussballclub darüber hinaus 1988 von der dritten in die erste Liga spielte und trotz minimaler finanzieller Rückendeckung erfolgreich war7, passte dieses visuelle Erkennungszeichen der Totenkopfflagge und deren Aussage ideal — da der Klub Unabhängigkeit bewies.
Die ärmeren Umstände im Stadtteil St. Pauli sowie die soziale politische Einstellung prägten nicht nur den Fussballklub, sondern auch den damit verbundenen Totenkopf. Der Totenkopf-Hoodie wurde anschliessend nicht mehr nur von FC St. Pauli-Fans getragen, vielmehr wurde er ein politisches und soziales Statement, mit dem sich der/die Träger*in zu einer linken Haltung bekennt – gegen Rechts, gegen Homophobie, gegen Sexismus und gegen die grösser werdende Wohlstandsschere. Doch mit dem «Erfolg» des FC St. Pauli veränderte sich auch die Bedeutung des Totenkopfs. Mittlerweile werden die Fanartikel des FC St. Pauli von so vielen Menschen getragen, dass vielen Träger*innen die ursprüngliche Bedeutung nicht mehr bewusst sein mag.


Bild    Charlotte Burckhardt

Auf seiner offiziellen Internetseite beendet der Fussballclub den Eintrag zur Geschichte des Totenkopfes wie folgt:
    Dies ist der derzeitige Stand einer Geschichte, die vor über 600 Jahren irgendwo auf den Weltmeeren anfing, vor 15 Jahren mit Dosenbier trinkenden Hausbesetzern in einem deutschen Fussballstadion weitergeführt wurde und vielleicht irgendwann an der Börse endet? 
Der Club ist sich scheinbar bewusst, dass ihr visuelles Zeichen längst zur Marke mutierte. So verwundert es auch nicht, dass viele langjährige St. Pauli-Fans Mühe mit dem angesagten Image des Vereins haben. Mit Punk und Besetztertum hat der Totenkopf vielleicht nichts mehr zu tun, doch ist es heute wichtiger denn je, sich zu den ursprünglichen Werten des Vereins zu bekennen.


1 Wikipedia. Jolly Roger: Herkunft und Geschichte 
(Zuletzt bearbeitet am 29. Juli 2019)
Wikipedia. Totenkopf (Symbol): Herkunft und Geschichte
(Zuletzt bearbeitet am 16. Februar 2019)
Wikipedia. FC St.Pauli, Fussball Geschichte, Die Anfänge, Vom Stadtteilklub zur Marke.
(Zuletzt bearbeitet 25. Mai 2020)
FC St.Pauli. Kiezbeben-Geschichten: Die doppelte Erfindung des Totenkopfs
5 ebd.
FC St.Pauli, Fanladen
FC St.Pauli, Vereinshistorie
8 ebd.

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