Probleme wie du und ich
— 
Aaron Aebi



Bild    Jüdisches Museum Berlin, Roman März


Was ist eine Kippa? Und was genau ist das Judentum? Kann Judentum mehr sein als eine Religion? Etwa ein Volk, eine Schicksalsgemeinschaft oder eine Kultur? Wem nützt Solidarität? Betrifft mich Antisemitismus? Welche Anforderungen stellt der Umgang mit gesellschaftlichen Minderheiten an mich? Du siehst: Fragen gibt es genug. Zu einigen wirst du dir selbst eine Meinung bilden müssen, andere beantwortet der Text.
Eine Kippa ist eine traditionelle jüdische Kopfbedeckung. Sie zu tragen ist Pflicht in Synagogen, auf Friedhöfen, an der Klagemauer und ganz grundsätzlich beim Gebet. Sie ist Ausdruck von Ehrfurcht und Demut gegenüber Gott. Auch Frauen sind angehalten, ihr Haupt während des Gebets zu bedecken. Sie tun dies mit einem Kopftuch oder – weniger offensichtlich – mit einer Perücke. Nach aussen hin sind diese Kopfbedeckungen ein Bekenntnis zur eigenen Identität und den damit verbundenen Werten, innerhalb der Religionsgemeinschaften sind sie ein Erkennungszeichen. Eine Pflicht ist das Kippatragen in der Öffentlichkeit jedoch nicht.

Eine besorgniserregende Entwicklung
In den letzten Jahren kam es vermehrt zu Übergriffen auf Kippa tragende Menschen, vor allem in deutschen Grossstädten. Felix Klein, der Antisemitismusbeauftragte der deutschen Bundesregierung, riet im Mai 2019 den Betroffenen, im Interesse ihrer Sicherheit auf das Kippatragen in der Öffentlichkeit zu verzichten.1 Diese Empfehlung stiess jedoch auf Unverständnis in den Medien und aufseiten von Politiker*innen: Das Tragen einer Kippa sei Teil der Religionsfreiheit und müsse im Deutschland des 21. Jahrhundert gefahrlos möglich sein. Bereits in den Jahren zuvor kam es zu Solidaritätsbekundungen durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft als Reaktion auf ähnliche öffentliche Diskussionen. Zum Beispiel wurden Bastelbögen für Kippot2 auf Titelseiten von Zeitungen abgedruckt, unter anderem im April 2018 durch die tageszeitung. Diese Bastelbögen waren einerseits als Kritik an den antisemitischen Vorkommnissen und andererseits als eine Aufforderung zu Solidarität gedacht. Denn: Trügen in den Strassen Deutschlands alle eine Kippa, bestünde für den Einzelnen nicht die Gefahr, Opfer von verbalen und/oder tätlichen Angriffen zu werden. Ausserdem hätte die zur Schau gestellte Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben in diesem Fall keine Ausgrenzung zur Folge.

Eine andere Absenderschaft, eine andere Absicht
Diese Umstände haben mein Interesse auf ein Objekt gelenkt, das diesbezüglich Kritik artikuliert. Die sogenannte Bastelbogen-Kippa, die ich im Folgenden analysiere, ist erstens noch älter als jene in den Tageszeitungen und zweitens ist die Absenderschaft eine andere. Die Bastelbogen-Kippa wurde im Rahmen der Veranstaltung Desintegration: Ein Kongress zeitgenössischer jüdischer Positionen verteilt, die im Mai 2016 von einer kulturellen Einrichtung in Berlin durchgeführt wurde.3 Die Mehrheit der Organisator*innen des Kongresses war jüdisch, die Absenderschaft ist hier also – im Gegensatz zu den Tageszeitungen – ein Insider.
Dr. Sylvia Battegay, Verantwortliche für Veranstaltungen und Kommunikation im Jüdischen Museum Basel, nahm sich freundlicherweise die Zeit für einen Videochat, um mir zu helfen, die Bastelbogen-Kippa besser zu verstehen und in ihren Kontext einzuordnen. Sie selbst hat das Desintegration-Festival im Mai 2016 besucht und kannte die Bastelbogen-Kippa bereits. Ihre Stellungnahme dazu hat mich überrascht: «Diese Kippa ist weniger eine Aufforderung zu Solidarität. Sie soll vielmehr polarisieren und die zahlreichen Solidaritätsbekundungen der deutschen Mehrheitsgesellschaft als oberflächliche Inszenierung vorführen.»

Ein sachlicher Blick auf das Objekt
Die Bastelbogen-Kippa ist in ihrer Form etwas eckiger als üblich, in ihrer Grösse aber ganz gewöhnlich. Zum vorherrschenden Schwarz kontrastiert die weisse Typografie. Das dominante, gespiegelte R ist das Logo des Veranstalters. Entlang des Saums der Kippa steht geschrieben: «Werden Sie Teil des Problems!» Diese Aufforderung ist aus einzelnen, ausgeschnittenen Buchstaben collagiert und erinnert in ihrer Ästhetik stark an ein Erpresserschreiben. Diese Ästhetik zieht sich als roter Faden durch das visuelle Erscheinungsbild des Kongresses. So wurden etwa Postkarten mit der provokanten Aussage «Keine Juden mehr für Deutsche!» gedruckt, die in ihrem visuellen Erscheinen der gleichen Linie folgen. Meiner Einschätzung zufolge passt diese Visualität zum Auftreten des Desintegration-Festivals, das bewusst provoziert. Die Kommunikation ist durchwegs laut, direkt und umstürzlerisch. Diesen Attributen ist die gewählte Ästhetik nicht fern. Battegay fügt hinzu: «Bedenkt man, dass das Judentum eine Kultur der Schrift ist, stellt diese Ästhetik einen kompletten Gegensatz dar.»
Hinter der schwarzen Farbgebung steht – laut Battegay – wahrscheinlich keine eindeutige Botschaft. Dennoch sollte man nicht ausser Acht lassen, dass bei Kippot eine Art Farbcodierung existiert. Schwarze Kippot sind vor allem unter orthodoxen Juden üblich. Genau hier ergibt sich ein Berührungspunkt mit einer der Kernaussagen des Festivals: Die deutsche Vorstellung des Judentums sei immer orthodox. Demnach zielt die Farbgebung der Kippa möglicherweise auf das undifferenzierte und festgefahrene Bild des Judentums ab, das die deutsche Mehrheitsgesellschaft hat. Das Konzept der Desintegration will hier entgegenhalten: Das eine Judentum gibt es nicht. Die jüdische Kultur ist vielschichtig und geht weit über die Religion hinaus.

Eine Frage der Desintegration
Das Konzept der Desintegration ist überhaupt ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zum Verständnis der Bastelbogen-Kippa. Grundsätzlich handelt es sich dabei um eine Antwort auf gesellschaftliche Missstände. Das Perfide ist, dass wohl die wenigsten der Angeprangerten sich einer Schuld bewusst sind, da die kritisierten Missstände die Folge eines gut gemeinten (deutschen) Verhaltens sind.4 Desintegration ist eine Position meist junger jüdischer Künstler*innen in Deutschland. Sie wollen – anders als ihr Name vermuten lässt – nicht zu Desintegration auffordern, sondern das Verhalten der deutschen Mehrheitsgesellschaft gegenüber Jüdinnen und Juden auf eine provokante und manchmal ironische Weise hinterfragen. Für sie sind längst nicht nur radikale oder extremistische Einzeltäter*innen und Aussenseiter*innen für Antisemitismus verantwortlich. Das Problem sitzt tiefer: Breite Teile der Gesellschaft haben stereotype Zuschreibungen verinnerlicht, die auf viele Jüdinnen und Juden – insbesondere auf junge oder säkulare – schlicht nicht zutreffen. Dr. Sylvia Battegay, die zurzeit zu diesem Thema forscht, erklärt, dass Desintegration die eigentlichen Motive der deutschen Bemühungen aufdecken will, wenn es darum geht, die Erinnerung an die Geschehnisse des Holocaust aufrecht zu erhalten: «Es ist, als ob Deutsche sagten: ‹Wir brauchen diese stigmatisierten Opferjuden, um zu zeigen, dass wir uns verändert haben. Wir geben uns vor allem deshalb solidarisch und tolerant, um uns damit selbst zu beruhigen.›» Diese Haltung, die Jüdinnen und Juden im Grunde instrumentalisiert, lässt höchstens eine oberflächliche Aufarbeitung des Holocaust zu, während die Probleme unter der Oberfläche fortbestehen. Letztlich verunmöglicht das Verhalten eine Integration der in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden, indem weiterhin von «den Juden» die Rede ist, die förmlich gezwungen sind, eine (religiöse) Minorität zu bilden und kaum jemals als Bestandteil der deutschen Gesellschaft angesehen werden.
Battegay geht noch einen Schritt weiter. Sie spricht von einer Verschiebung des Problems. Denn während viele Deutsche sich keines Antisemitismus bewusst sind und sich Politiker*innen bis in die Ränge der AfD judenfreundlich geben, existiert eben doch jede Menge Fremdenfeindlichkeit. Für Battegay handelt es sich um ein neues völkisches Gedankengut, das immer mehr Anklang findet und sich inzwischen vornehmlich als Hass gegenüber Muslim*innen äussert.

Eine ewige Täterschaft
Es gibt Nachkommen von Täter*innen, die egoistische Psychohygiene betreiben, indem sie sich für die Grausamkeiten des Holocaust verantwortlich fühlen und den Eindruck haben, Abbitte leisten zu müssen. Diese manifestiert sich in niemals endenden Schuldgefühlen, während die Nachkommen der Opfer in zweiter und dritter Generation, die sich oft längst ihrer Opferrolle entledigt haben, ausser Acht gelassen werden. Egoistische Psychohygiene ist auch deshalb problematisch, weil sie über eine Tabuisierung des Holocaust wichtige Diskussionen unterbindet, von denen wir lernen könnten, wie wir als Gesellschaft mit Andersglaubenden und Andersdenkenden umgehen und wie wir auf Vorurteile und Hass reagieren können.5
Gut gemeinte Toleranz wird also niemals ausreichen, um Religionsfreiheit (und Meinungsfreiheit) zu gewährleisten und Antisemitismus und Fremdenhass endgültig aus der Welt zu schaffen.6 Genauso wenig wird eine gut gemeinte Erinnerungskultur ausreichen, solange Jüdinnen und Juden auf ihre Religion oder auf den Holocaust reduziert werden.

Fazit: Werde ein Teil der Lösung!
Wenn wir davon ausgehen, dass wir alle Teil eines tief sitzenden gesellschaftlichen Problems sind, kann die Aufforderung «Werden Sie Teil des Problems!» nicht als eine selbstkritisch formulierte Bitte um Solidarität verstanden werden, sondern als unterschwellige, gesellschaftskritische und ironische Parole. Wenn wir also bereits ein Teil des Problems sind, sollte die Aufforderung doch lauten: «Werden Sie ein Teil der Lösung!» Und damit müsste eine langfristige Lösung gemeint sein, die weit über eine solidarische Geste hinausgeht, eine Lösung basierend auf einer Gesellschaft, die geprägt ist von Respekt, Akzeptanz und einem uneigennützigen und vorurteilsfreien Interesse am Unbekannten – und das nicht nur gegenüber Jüdinnen und Juden.


Das Gespräch mit Dr. Sylvia Battegay am 29. April 2020 war mir eine grosse Hilfe für diese Arbeit. Ich danke ihr herzlich für ihre Zeit und die wertvolle Auskunft. Als Informationsquellen dienten ferner die Seite der Veranstalter*innen des Desintegration-Festivals und das Magazin A wie jüdisch, eine 2019 erschienene Publikation des Jüdischen Museums Berlin.


1 Felix Klein warnte im Mai 2019 vor dem Kippatragen in der Öffentlichkeit und löste kontroverse Reaktionen aus, wie Welt.de am 25. Mai 2019 berichtete. 
2 Kippot ist die hebräische Mehrzahlform von Kippa.
3 Das Studio Я ist an das Maxim-Gorki-Theater in Berlin angegliedert und versteht sich als Diskussionsplattform für marginalisierte Themen und Denkweisen.
4 Ein Beispiel für ein solches Verhalten ist ein Video, das Nachkommen von Nazis zeigt, wie sie die HaTikwa, die israelische Nationalhymne, singen. Die Weisen von Zion, eine anonyme Gruppe jüdischer Aktivist*innen, reagieren wenig begeistert. Sie sprechen unter anderem von Fremdscham.
5 Ein gutes Beispiel für eine vorzeitig beendete Diskussion aufgrund einer Assoziation mit dem Holocaust findet sich im Literaturclub vom 30. August 2016. Achte darauf, wie die Moderatorin «als Deutsche» argumentiert, dadurch den weiteren Verlauf der Diskussion hemmt.
6 Das zeigt sich in der traurigen Tatsache, dass sich trotz aller Bemühungen antisemitisch motivierte Übergriffe in jüngerer Zeit häufen. So kam es am 9. Oktober 2019, an Jom Kippur, dem Versöhnungstag und höchsten jüdischen Feiertag, zu einem Attentat nahe der Synagoge in Halle. 

Mark